22. Woche: stolpern, aufstehen, weiter machen

Woah…der Sommer ist da. Ganz plötzlich hält man es in Jeans nicht mehr aus und ZACK! packe ich die langen Hosen in den Schrank und zerre die Röckchen aus der Schublade.

Und endlich passen sie wieder. Manche sogar gerade noch so…die werden schon locker! 😀
Dann noch die Blusen dazu…man! Sind das wirklich meine schlanken Beine, die ich da im Spiegel sehe? Und schau dir diese Taille an! Die Arme passen endlich in die Ärmel!
Und wie die Menschen ringsum auf den Look reagieren…eine Teilnehmerin brummt frustriert und lässt den Kopf auf den Tisch knallen…ich habe keinen Schimmer, was sie damit sagen will.
In Läden geben mir Männer bereitwillig Auskunft.
„Ich schau mal, ob wir sowas da haben. Gehen sie ruhig weiter einkaufen, ich finde sie!“
Das hätte er mit meiner 95kg schweren Version sicher nicht gemacht.
Es ist Sommer und ich kann ihn endlich mal genießen. Es liegt Jahre zurück, dass ich mich nicht mehr schämen musste.

Da sollte man meinen, es geht nun alles leichter.
Seltsamerweise ist das Gegenteil der Fall. Es fällt mir zur Zeit unheimlich schwer. Slaine ist total erkältet. Und obwohl ein großer Teil in mir gerne zum Training will, um all die Muskeln ordentlich durchzupumpen, schaffe ich es nicht. Ich schaffe es einfach nicht, mich nach Feierabend noch aufzuraffen. Auf Arbeit bin ich voller Energie und zum Feierabend…nur leere Akkus.

Der Hunger ist abends häufig zu Besuch. Stöhnend rumort mein Magen und alles steht auf Konsumbereitschaft. Dass Slaine sich beinahe täglich Fast Food beim Lieferservice bestellt oder wir zusammen durch die Supermärkte schlendern, während ich gar nichts kaufen muss und nun all die leckeren Sachen wahrnehme, die alle nicht auf meinem Plan stehen, macht es auch nicht gerade einfach. Dann kommt noch der Stress dazu. Keine Ahnung, ob es die Diät ist, der Zyklus, das Erbe meiner Workoholicmutter oder schlicht die Tatsache, dass mich mein Job so er-/ausfüllt, dass ich irgendwie nichts anderes mehr finde, was mich noch erfüllt…jedenfalls arbeite ich gefühlt dauerhaft und merke, wie meine Nerven dünner werden. Da kann es schonmal vorkommen, dass ich nach Feierabend in der Küche stehe und auf den sorgenvollen Ruf meines Freundes mit einem sehr bestimmten „Ich will diese Sache jetzt noch durchziehen und dabei nicht angesprochen werden!“ reagiere. Immerhin merke ich noch selber, dass das kein guter Zustand und nicht ganz angemessen ist. Leider ist das einzige, was mich dann rettet eine halbe Tüte Haribo. Wirkt Wunder bei akuten Stimmungstiefs und entspannt ungemein.

Tja, und so kommt es dann zur nächsten Phase: die Waage steigt leicht an und obwohl ich weiter Zentimeter verliere und toll aussehe, zähle ich all die Abweichungen vom Plan Stück für Stück zusammen und bekomme als Summe:

totales Versagen

Von jetzt auf gleich kippe ich in tiefe Verzweiflung, weiß nicht mehr weiter und habe keine Power für irgendwas.

Auch diese Situation habe ich hundertfach erlebt. Unzählige Male!
Sie waren der Endpunkt jeder Diät.
Immer.
Ich kam nie darüber hinweg. Konnte nicht mehr voran gehen, musste stehenbleiben und meine Batterien mit Scheißkram füllen. Und danach fand ich natürlich nie in die Diät zurück.
So lief es immer.
Jedes einzelne Mal.
Jahr um Jahr.
Erfolg-Stagnation-Abweichungen vom Plan-Verzweiflung-due Uhr läuft rückwärts und schlittert über Start

Diesmal nicht.
Ich weiß, da draußen ist mein Coach, mit dem ich mich wieder treffen werde. Und ich will, dass er stolz auf mich ist. Ich will, dass er sieht, wie hart ich an mir arbeite. Ich möchte sein Lob. Und ich glaube an seinen Plan. Es ist nicht mein Plan. Es ist ein Expertenplan. Mir ist klar, wie naiv und kindisch das ist. Ich gebe meinen Verstand ab und glaube ganz einfach. Ich glaube an meinen Coach, als ob er ein religiöser Heiland wäre und ich brauche genau diese naive Art des Urvertrauens, denn die ist das Einzige, was gegen die Verzweiflung hilft.
Denn trotz dieser bescheuerten Gefühle in mir und trotz der häufiger werdenen Ausrutscher und obwohl ich es nicht zum Training schaffe, läuft doch jeder Tag erstmal nach Plan und hat damit die Chance, mich wieder einen Schritt weiter zu bringen.

Stolpern, aufstehen, weiter machen und bloß nicht lang zurückschauen! Das ist meine neue Devise.

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