Warum lesen unsere Kinder in der Schule keine Weltliteratur?

Ich war diese Woche mit meinen Teilnehmern in Berlin. Gesponsort wurde das Ganze von der Bundesregierung, organisiert von der SPD und so gab es neben leckerem Essen und einer Übernachtung im Hotel auch jede Menge politische und geschichtliche Führungen durch Gedenkstätten, Museen und den Deutschen Bundestag. In eben jenem hatten wir auch Zeit für eine Diskussion mit der Bundestagsabgeordneten Daniela Kolbe von der SPD. Am Ende dieser Diskussion trat eine Frau ans Mikrofon und klagte über ein Anliegen, das ihr schwer zu schaffen machte:

Ich habe den Eindruck, dass die Kinder hier in Deutschland gar keine Weltliteratur mehr lesen. Warum lesen die Kinder in der Schule nicht mehr Tolstoi, Homer, Remarque und Thomas Mann?

Die Frau empfand das als beängstigenden Mangel. Sie selbst sei Ukrainerin und hätte jedes Jahr vor den Sommerferien eine lange Liste an Literatur bekommen, die über die Ferien zu lesen sei. Ihre Tochter würde nicht ein Buch davon lesen müssen und kenne sich darum auch gar nicht mit der Weltliteratur aus.

Die Abgeordnete gab offen zu, dass sie auf diesem Gebiet kein Fachmann und schlicht überfragt sei. Das war natürlich das Stichwort für meinen Auftritt. 😀

Ich habe den Eindruck, dass die Kinder hier in Deutschland gar keine Weltliteratur mehr lesen.

Das stimmt zunächst so nicht. Zunächst ist Bildung Ländersache und so legt jedes Bundesland für das eigene Gebiet fest, was gelesen werden muss (Pflichtlektüre). In Sachsen sind Goethes Faust und der Vorleser an Realschulen Pflicht. Dazu kommt eine aktualisierte Version von Schillers Nathan der Weise (Nathan und seine Kinder) und Romeo und Julia von Shakespeare. Dazu jede Menge Gedichte, Parabeln, Fabeln und Balladen. Es gibt sie also nocht, die sogenannte Weltliteratur im Unterrichtskanon. In Gymnasien ist der Anteil an sogenannter Weltliteratur noch höher.

Warum lesen die Kinder in der Schule nicht mehr Tolstoi, Homer, Remarque und Thomas Mann?

Man hat das Leseverhalten quer durch die Gesellschaft erforscht und dabei festgestellt, dass ein Großteil der Bevölkerung kaum oder gar nicht liest. Gründe dafür waren unter anderem genau jener feste Kanon an wichtigen Büchern, der in der Schule durchgeprügelt und abgeprüft worden ist. Oder das Gefühl, dass die Bücher sicherlich irgendwie wichtig seien, aber mit dem eigenen Leben nichts zu tun haben, bei den persönlichen Problemen nichts nützen und überhaupt außer dem Satz „Klar, kenn ich das!“ im Leben nicht weiterbringen. Außerdem fand man dabei heraus, dass vielen Menschen…weit mehr, als man sich ausmalen kann, das Lesen an sich schwer fällt. Die Ergebnisse waren geradezu erschütternd. Im Land der Dichter und Denker wurde immer weniger gelesen. Ein Umdenken fand statt.
Statt die alten Größen durchzuprügeln, um sie als allgemeines Kulturgut zu erhalten, traten andere Ziele in den Vordergrund: Verbesserung der Lesefähigkeit und des Leseverstehens (Ich kann ja viele Bücher lesen ohne sie dabei verstehen zu müssen.) Kreative Gestaltungsprozesse im Leseverstehensprozess und am allerwichtigsten: Erhaltung der Lesemotivation.

Denn die Frage nach der Weltliteratur verstellt den Blick auf etwas ganz Wesentliches: Zur Weltliteratur wird nur, was einer Generation einmal viel bedeutet und einen gesellschaftlichen Umdenkprozess eingeleitet hat. Das ist aber kein abgeschlossenes Kapitel. Auch heute noch gibt es Romane, die große Teile einer Generation beeinflussen und aufwecken. Nicht nur alte Bücher können Menschen ansprechen, im Gegenteil, häufig gehören sie eben in eine andere Zeit und lassen die Menschen mit heutigen Problemen allein. Oder ihre sprache und Begrifflichkeiten haben sich inzwischen so stark gewandelt, dass dies eine große Hemmschwelle für heutige (junge) Leser darstellt. Das ist schon bei Kästners Fliegendem Klassenzimmer so. Die Regeln in der Schule und in der Gesellschaft sind andere.

Auch lesen eben nicht mehr alle Menschen die gleichen Bücher. Die Spanne wird breiter, der Alleinstellungsplatz der einflussreichsten Bücher wird kleiner und so erscheint es manchem, als gäbe es keine neuen Werke der Weltliteratur. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Es gibt mehr.

Später tritt eine ältere Dame an mich heran, sie habe mich noch nicht ansprechen können, weil das Thema ihr so einen Kloß im Hals bereitet habe, sie musste sich erst einmal beruhigen. Sie sei nämlich auch Deutschlehrerin gewesen und empfände den Mangel ebenso verherend, wie die Sprecherin in der Diskussion. Ob ich denn wirklich glaube, die Lesemotivation mit modernen Büchern erhalten zu können.

Tja, dazu kann ich nur sagen, dass ca. 80% meiner BvB-Teilnehmer angaben, noch nie im Leben ein Buch gelesen zu haben und auch kein Problem damit hätten, dies weiterhin so zu lassen. Also las ich mit ihnen Jugendbücher, die ich selbst sehr mag. Nicht jeden konnte ich damit erreichen, aber der Großteil war begeistert, einige baten mich, das Buch ausleihen zu können. Später stellte ich am Ende einer Doppelstunde immer ein neues Buch vor und las eine Stelle daraus. In der erste Woche hörte ich noch „Boah, schon wieder ein Buch? Wie viele haben sie denn noch?!%&“, aber schon in der zweiten Woche freuten sich alle darauf. Sie waren überrascht von der breiten Spanne an Genres, von den unterschiedlichen Sprachniveaus und vor allem davon, wie schnell solche Bücher spanned werden können, sodass nach 10 Minuten Lesezeit der Wunsch geäußert wurde, die Stunde möge noch länger gehen oder das Buch in der nachsten Stunde weiter gelesen werden.

Also ja, ich glaube daran, dass Literatur, besonders die moderne Literatur, die Lesemotivation erhalten, aber vor allem auch entfachen kann.

Außerdem muss klar festgestellt werden: Nicht wenigen Menschen geht es so, dass sie irgendwann in ihrem Leben feststellen, dass sie schon oft von dem einen oder anderen bedeutendem Buch gehört haben und nichts drüber wissen. Dieser Gedanke wurmt manchen. Und dann kann ich nur sagen: Bücher gibt es günstig und dazu jede Menge Schriften, ob als Lektürehilfen oder im Internet, um die Inhalte besser zu verstehen. Wir leben nicht mehr im Mittelalter oder in der DDR, wo Bücher verboten oder nicht zugänglich waren. Wer Interesse hat, kann mit wenig Aufwand jedes Buch lesen, das er möchte und sich Hilfen zum Verständnis an die Hand holen.

Schwieriger ist es nur geworden, sich mit anderen Leuten über ein Buch zu unterhalten.  Zunächst muss man Leute finden, die die gleichen Bücher gelesen haben und dann müssen sie auch noch darüber reden wollen. Wenn es einen Mangel im Umgang mit Literatur gibt, dann empfinde ich diesen als solchen. 😉

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