Endlich Arbeit in Sicht

Du liebe Güte…zwischenzeitlich habe ich schon nicht mehr geglaubt, dass ich das mal schreiben darf.
So viele Türen haben sich in den letzten Monaten kurz mal geöffnet, nur um dann mich Wumms wieder vor der Nase zugeknallt zu werden.
Und immer wurde der Niedergang von einer Frage eingeleitet:

Kein Staatsexamen? Das ist aber schlecht. Können Sie das nicht nachholen?

Das vorletzte Bewerbungsgespräch setzte dem noch die Krone auf. Der potentielle Arbeitgeber verstand erst nach meinen ersten Sätzen, dass ich keine staatliche Anerkennung habe. Und dann versuchte er mir während des Vorstellungsgesprächs den Job auszureden. Das verstand ich aber erst, als ich eine Nacht drüber geschlafen hatte. Während des Gesprächs verstand ich gar nichts, nur, dass irgendwie alles seltsam war.
Zunächst rührte er immer in meinem Studium herum.
„Aber das wäre ja eine ganz andere Tätigkeit als Sie studiert haben, wollen Sie das wirklich machen?“ Und ich konnte wirklich gut erklären, wo der Schnittpunkt vom Lehramtsstudium zur Arbeit mit Langzeitarbeitslosen liegt und weshalb ich das gern machen möchte. Aber er hörte mir gar nicht zu, murmelte nur wieder: Kein Statsexamen, das ist doof. Merken se selbe, ne?
Und Grammatikunterricht als solchen machen Sie dann auch nicht.
Wollen Sie das?

JA, deswegen habe ich mich schließlich beworben. Immerhin habe ich die Stellenanzeige wenigstens richtig gelesen!
Aber er schien nicht zufrieden…
Und auf Honorarbasis arbeiten würden sie auch?

Damit hatte ich mich auch auseinander gesetzt…auf Honorarbasis bedeutet, man bekommt ein Honorar, ist aber selbständig und kann für mehrere Firmen gleichzeitig arbeiten. In meiner Situation und auch für mich persönlich unschön. Man muss sich privat alters- und krankenversichern. Urlaub und Krankheitsausfälle werden nicht bezahlt und bei schlechter Auftragslage kriegt man nix.

Aber ja, das würde ich auch machen.

Teilzeit?, fragt mich der Potentielle.
Ja, meine ich zunehmend zähneknirschend, während ich mich innerlich frage, ob das dann überhaupt die Reisekosten (nach Halle) und die Lebenserhaltung deckt.

So…zwei bis drei Tage die Woche ca. 8h.
Langsam wurde es mir auch zu bunt…auf Honorarbasis mit pendeln für 2 Tage die Woche? Was soll denn davon übrig bleiben…nen Zehner?

Wir würden Sie vielleicht erstmal Probearbeiten lassen. Wären Sie damit einverstanden?
-.- Ja.

Und Accessmentcenter? Würden Sie das auch machen?
Ist das denn ein echtes Accessmentcenter?, frage ich zurück.
Ja, sagt er, wir teilen uns da mit mehreren Firmen ein Accessmentcenter.
Accessmentcenter, denke ich…da soll herausgefunden werden, wer man wirklich ist.
Kennt ihr den Spruch:
before

Genau nach solchen Methoden arbeiten Accessmentcenter. Man wird getestet und gestresst und sitzen gelassen und die ganze Zeit beobachtet. Herauskommen soll, wer du wirklich bist…wenn du Stress hast, überfordert bist oder dich langweilst. Wie gehst du damit um.

Es tut nicht weh…aber es ist sicher keine schöne Erfahrung, derart durchleuchtet und abgeschätzt zu werden.
Aber ich war verzweifelt und im Vortellungsgespräch sage ich weder endgütlig ja noch nein. Das mache ich, wenn ich eine Nacht drüber geschlafen habe. Und so sagte ich, auch dazu wäre ich bereit, was den Potentiellen eher zur Verzweiflung treiben schien…mich aber auch. Es fühlte sich einfach alles furchtbar falsch an und ich wusste nicht, was ich tun sollte oder was von mir erwartet wurde.

Und dann neigte sich das Gespräch dem Ende zu. Er stand auf und meinte, er wolle nur kurz noch einen Kollegen hinzuziehen. Ich solle eben noch warten.

Eben…

kurz…

ich saß in einem geschlossenen Büro…5 Minuten…10 Minuten…eine Ewigkeit und fragte mich, was das alles zu bedeuten hat. Was erwartete ich? Was hatte man hier von mir erwartet? Ich wusste es nicht…wusste aber schon, dass ich nur hier weg wollte. Der Job kann mir gestohlen bleiben. Ein namenloses Grauen breitete sich mehr und mehr in mir aus, ohne dass ich den Finger hätte drauflegen können.
Und dann wurde die letzte offene Jalousie, von irgendwo ferngesteuert, langsam herabgelassen. Das letzte Licht schwand, ich saß in nächtlichem Dämmerlicht und fragte mich, wann der Showmoderator reinkäme und verkünden würde, dass dort die Kamera steht und alles nur ein blöder Witz war. Nach weiteren Minuten wurden die Lamellen-, elektronisch-ferngesteuert, versteht sich, aufgestellt, sodass wieder etwas Tageslicht hereinflutete und mit ihm die ganze Realität da draußen. Und ich konnte nur eins denken:

Nach diesem Vorstellungsgespräch änderte ich meinen Lebenslauf und schrieb explizit hinein: Referendariat ohne Abschluss
Und keiner rief mehr an, um mich zum Bewerbungsgespräch einzuladen.

Bis gestern.

Gestern morgen kam ein Anruf.

Heute ein Vorstellungsgespräch.

Und ab 01.09. habe ich einen JOB!
Einen wundervollen Job, der genau meinen persönlichen Fähigkeiten entspricht, in einem tollen Team, mit einem netten Chef.
Vollzeit.
Ohne pendeln.
Als Angestellte.

Wunder geschehn! Gimme five!
3

Advertisements

Man muss nur wissen, wen man fragen muss…

Manchmal treibt das Leben wilde Blüten. Vor ein paar Wochen tippelte ich mit wohlformulierten Fragen und Formularen zum Arbeitsamt, doch statt meiner Betreuerin traf ich auf eine unbekannte Frau, die mir mitteilte, dass meine Betreuerin krank sei. Da sie meinen Fall nicht kannte, konnte sie meine Fragen natürlich nicht beantworten. Peinlich betreten saßen wir voreinander und sie fragte in die Stille hinein, ob sie sonst etwas für mich tun könne. „Vielleicht mal über meine Bewerbung drüberlesen?“, sagte ich mit einem leichten Achselzucken.

Da atmete sie erleichtert auf und meinte: Sowas machen wir hier nicht, aber dafür gibt es eine tolle Maßnahme. Und eh noch ein Augenblick vergangen war, hielt ich ein Schreiben in der Hand, dessen Inhalt mich die nächsten Wochen beschäftigen würde.

Maßnahme vom Amt…das hat was von Strafe, da schwingt direkt eine Ermahnung mit, oder sinnlos verplemperte Zeit…dachte ich. Doch ich sollte mich täuschen. Aber erstmal gabs Krach.

Das erste Modul hieß „Selbstvermarktungsstrategien für Akademiker“ und mich erwartete ein älterer Herr, der in einem fort redete.
Auch wenn er mich gerade etwas gefragt hatte.
Und so kam es zu einem Missverständnis.
Der Herr quartierte mich in einem Traumschloss ein, dass er mit heldenhaftem Zungenschlage in die Realität rücken wollte. Für mich klang der Rettungsversuch aber kräftig nach der Rückkehr meiner fiesen Mentoren. Es klang wie „Du machst nicht, was ich sage, das solltest du aber schleunigst ändern, sei mal nicht so zimperlich.“ Ich war sauer! Und natürlich erzählte ich meinem Freund davon. Der war auch gleich sauer. Und dann sagte er einen Satz, der ganz schön ziepte: Wieso passiert dir das nur immer?

Und das fragte ich mich auch…wieso passierte es mir in letzter Zeit ständig, dass sich nette Leute plötzlich in machthaberische Presslufthammer verwadeln, die nicht davon ablassen, mich falsch einzuschätzen und anschließend mit ordentlich Druck umerziehen möchten?

Hab ich ein „Schlag drauf“-Gesicht?
Geh ich bucklig?
Seh ich aus, als möchte ich geschoben werden?
Nein.
Also muss es an meiner Sprache liegen.

Nun ließ der Mann mich nicht zu Wort kommen…oder höchstens zu einem. Sowas mit einem Wort zu klären, ist schwierig. Also zeigte ich ihm einfach ein paar meiner alten Bewerbungen. Und da verstand er.

Ein paar Stunden später, hatten sich die Gewitterwolken verzogen, ich war mit guten Vorschlägen und toller Hilfe reich beschenkt worden und wir verstanden uns wie zwei alte Saufkumpane. Aber die alte Frage wurmte mich noch immer:
Wieso ist das passiert?
Und so fragte ich: Du, Heiko, sag mal…wie bist du auf den Gedanken gekommen, ich säße in meinem Luftschloss und sähe die Realität nicht mehr?
Nun, sagt er, das lag an deinem „NEIN!“. Egal, was ich dir vorschlug.

Und er hatte Recht, auf seine ersten Ideen zur Rettung der schiffbrüchigen Lehrerin hatte ich gleich mit Nein geantwortet.
Etwa auf die Idee, ich könne doch bundesweit umziehen.
Oder mich selbständig machen (Rackern bis zum Umfallen und immer um die Existenz bangen? Niemals!)
Und überhaupt könne ich mir die erträumte Ausbildung mit meinem Abschluss abschminken.

Und das war schon der ganze böse Zauber. Jede einzelne Frage hatte ich schon zuvor für mich selbst durchdacht und beantwortet, daher kam die Antwort auch sofort. Das kommt beim Zuhörer allerdings so an, als ob ich generell alles ablehne. Und schon hat man sein Missverständnis und Gesprächspartner, die einem den Sturkopf austreiben wollen.

Das klingt banal, aber für mich war das ein riesen Durchbruch. Nicht nur, dass ich endlich begriff, warum ich immer so ein Verhalten bei Leuten auslöste, ich konnte die Situation auch auflösen und die Lösung ist denkbar einfach. Statt mein eckiges Nein auszusenden, werde ich mir angewöhnen, eine unverbindlichere Antwort zu geben. „Ja, das klingt gut.“ etwa oder „Das ist interessant.“ oder „Das mache ich sicher mal.“

Und das Beste war, dass ich nicht nur den Konflikt gelöst hatte, sondern mich danach richtig gut mit ihm verstand und überhaupt mit allen. Ratzfatz ergab sich eine kleine nette Runde. Kein Zwist, kein Mobbing, kein Druck, nur Herzlichkeit, gemeinsame Seufzer und Lachen.

Und gelernt habe ich wahnsinnig viel…neue Berufsfelder entdeckt, Mut bekommen, ein schickes Bewerbungslayout erstellt UND prompt Einladungen zu Vorstellungsgesprächen erhalten. Nach der ewigen Dürreperiode aus mangelnden Rückmeldungen und Ablehnungen geht es nun endlich aufwärts to the future! 😀

Auch mit einem Knacks kann man leben…

Woche um Woche zieht vorbei. Zeit, mal wieder anzuhalten und festzuhalten, wies mir mittlerweile geht. Und endlich kann ich sagen:

MIR GEHT’s SUPER!

Einen Job habe ich zwar noch immer nicht, aber dafür einen Plan, wies mit meiner Zukunft weitergehen soll. Sobald der in trockenen Tüchern ist, erzähl ich mehr davon.

Auch das Training und die Diäterfolge tun mir gut. Ich wiege zwar noch immer über 80kg und bin von meinem Traumgewicht (~70kg) Welten entfernt, aber zu wissen, dass Figur und Maße wesentlich stärker ändern, als die Waage das vermuten lässt, führt zu einer motivierenden Gelassenheit. Ich bin heiß auf Erfolg, ohne dabei den Kopf zu verlieren. Entspannt harre ich der Dinge, die da geschehen.

Die große Wende kam aber mit der ehrenamtlichen Tätigkeit. Seit ich Menschen mit Migrationshintergrund Deutschnachhilfe erteile, habe ich endlich wieder das Gefühl, zu etwas nütze zu sein. Ich habe Zeit, um alles zu planen, auszuwerten, neues Wissen anzueignen, zu experimentieren, zu basteln und mich zu verbessern. Und endlich spüre ich: Du bist ein guter Lehrer. Erst jetzt kann ich das sein, kann ich dabei ich sein. Und das ist ein wunderbares Empfinden, dass mir unglaubliche Kräfte gibt und mir letztendlich ein Gefühl beschert, wieder unbeschwert zu sein. Und diese Unbeschwertheit fühlt sich an, als wäre ich neu geboren.

Wenn ich alte Bekannte treffe oder mit der Familie telefoniere geht es natürlich immernoch ums das abgebrochene Referendariat und auch bei manchen Alltagssituationen merke ich noch immer, dass da ein Knacks in mir steckt. Aber dieser Knacks ist längst nicht mehr der unüberwindbare Riss, der meinen Alltag bestimmt und wie ein dunkler Abgrund in mir herrscht. Mehr und mehr finde ich wieder Selbstvertrauen. Und endlich genieße ich meine Zeit. Ich tue Dinge, die ich sonst gern vermieden habe: Treffe alte Freunde, gestern habe ich einen Kuchen gebacken oder ich nähe Klamotten um..

x Zack, Ärmel ab, Ränder umgenäht und fertig ist die Trainingsjacke.

Es sind Kleinigkeiten, aber eben Kleinigkeiten zu denen ich mich sonst nicht aufraffen konnte und dir mir jetzt Spaß machen.

Bei der Strandfiguraktion bin ich diese Woche ziemlich angegriffen worden. 2kg Gewichtsverlust nach 12 Wochen Diät seien lächerlich, reine Zeitverschwendung, ich sollte mich schämen. Sowas ist vor vielen Jahren in demselben Forum schon einmal geschehen. Damals hat mich das tief verletzt und gekränkt. Letztendlich habe ich wegen solcher Meinungen immer aufgegeben. Da musste nicht einmal jemand anderes etwas sagen, ich selbst hatte das Gefühl, dass es einfach nie ausreicht, egal, wie sehr ich mich bemühe.
Aber diesmal ist es anders. Diesmal zuck ich verbal mit den Schultern und sage: Ich habe kein Problem mit dem Tempo, ich fühle mich wohl dabei und kann noch locker so weitermachen. Ich wusste, dass ich keine 20kg abnehmen werde und bin mit den Resultaten zufrieden. Es könnte immer mehr sein, aber was geschehen ist, ist geschehen und das Morgen kann ich auch nicht bestimmen, nur das Jetzt liegt in meiner Macht. Und da geb ich so viel Gas, wie ich eben kann. Mein Ziel lautet von Anfang an: Durchhalten, egal, wie es läuft, diesmal will ich es einfach nur zu Ende bringen. Denn wichtiger als das Tempo ist die Dauer. Was nützen 10kg in 20 Wochen, wenn man danach kein Maß mehr kennt und 15kg zunimmt? Ich will mich endlich dauerhaft wohlfühlen und das schon ab jetzt. Nicht erst, wenn ich mir das letzte Gramm Fett runtergehungert habe.
Das habe ich im Forum auch so vertreten und auch wenn da einige Trolle unverirrbar weiter trollen, haben es doch einige begriffen und mir tut es gut, mich nicht unterkriegen zu lassen, sondern richtig schön Paroli zu bieten.

Wenn jetzt noch mein Plan für die Zukunft klappt, kann ich sagen, dass ich endgültig zurück bin: auf der Siegerseite des Lebens. 🙂

Ganz entspannt..
1

Plötzlich wieder Lehrerin

Nach Wochen, in denen niemand auf Emails reagierte und bei Anrufen stehts nur „Schreibe Sie uns eine Email“ gesagt wurde, war ich etwas frustriert. Selbst ins Ehrenamt hineinzukommen scheint eine echte Hürde zu sein, dachte ich.

Und so verging eine Woche und noch eine und endlich war mein Termin bei der Freiwilligen-Agentur da. Dort wurde ich wirklich herzlich empfangen. Eine nette Dame, der man in ihrem herzlich offenem Gesicht das Alter gar nicht ansah, erzählte, dass sie meine Situation gut verstehe und ich sicher mit Kusshand genommen werde. Ich bekam 5 Blätter mit Tätigkeitsbeschreibung und Kontaktdaten im pädagogischen Bereich, zwei davon hatte ich schon auf eigene Faust zu kontaktieren versucht. Aber nun, ausgestattet mit offiziellen Dokumenten, versuchte ichs erneut. So erfuhr ich, dass viele dieser Vereine nur ehrenamtlich existieren, da arbeitet keiner für Geld. Ist jemand krank, bleibt die Arbeit liegen, so war es auch mit meinen Anfragen: durch Krankheit nicht beantwortet, aber nicht vergessen.

Bei einer Adresse erreichte ich jedoch sofort jemanden. „Können Sie morgen?“, fragte die Stimme mit russischem Akzent. Und so ging ich am Donnerstag zum Russisch-Deutschen-Hilfswerk, um mich vorzustellen…und wurde tatsächlich mit Kusshand genommen. „Wir brauchen dringend eine Lehrerin!“ Die Frau überlegte, erzählte dann von Kindern unterschiedlichen Alters, die Hausaufgabenhilfe und Deutsch-Nachhilfe brauchen. Wir vereinbarten, dass ich im April einsteigen werde. Das klang richtig gut. Und gerade als alles gesagt zu sein schien, liegt sie den Kopf schief und sagt: „Morgen! Können Sie morgen? Rentner kommen. 6 oder 8. Um 10 Uhr. Eine Stunde und eine halbe Stunde. Lehrerin ist krank. Machen Sie? Ich gebe Ihnen Material.“ Eh ich noch richtig drüber nachdenken konnte, hat mein Herz schon ja gesagt. Beim „Material“ war ich dann doch etwas erschrocken. Ein beschriebenes Blatt mit Fragen, oben russisch, unten deutsch. Thema war wohl ein Arztbesuch. Das schloss ich aus Fragen wie „Nehmen Sie ihre Medikamente ein?“ Zwei weitere Arbeitblätter sind wohl schon millionen Mal durch den Kopierer gegangen, denn man konnte kaum etwas lesen. Es war ein kurzer Text, ein paar Multiple Choice Fragen zum Textverständnis und ein Blatt mit grammatischen Übungen. Uff. Auf meinen ratlosen Blick meint die Dame „Sie können auch…“ und zeigt auf den CD-Player.

Als ich vor das Haus trat, löste sich die Schockstarre, die meine Contenance aufrecht erhalten hatte.
Was habe ich mir hier gerade angelacht?
Ich weiß ja icht einmal, wie viel die können.
Was, wenn die Truppe kaum Deutsch kann und selbst die Schrift nicht lesen kann?
Quatsch, dann hatten sie nicht solche Blätter bekommen.
Aber auf dem einen Blatt steht Russisch! Ich kann kein Russisch!
Das Material verwende ich auf keinen Fall! aber was kann ich dann nehmen? Für DaZ habe ich nichts Zuhause.
Oh weia, oh weia!
thumbs_hornoxe.com_picdump286_242
Sofort fühlte ich die gute alte Überforderung und reine Panik. Ich rannte in die erstbeste Schulbuchverlagshandlung und die Dame schien zu merken, dass ich etwas kopflos bin. Sie hab mir auf zwei auslaufende Materialien einen dicken Rabatt und so hielt ich für 10€ ein Lehrbuch samt Arbeitsheft für Schüler in den Händen.
Ich fühlte mich gerettet. Genau so war es mir im Referendariat auch gegangen. Wenn du gutes Material hast, kannst du alles hinbekommen.


Zuhause stellte ich dann fest, dass kein Material richtig passte. Selbst wenn der Leistungsstand passt, die Themen, Ausdrücke…ach die ganze Sprache ist kindlich. Ich fand ein Arbeitsblatt im Internet, wo unterschiedliche Schmerzen bildlich dargestellt wurden. Die Lösungsworte standen darunter. Toll, dachte ich, passt ja perfekt.
Bis ich die Lösungsworte las: das Bauchweh, das Kopfweh. Süß bei Kindern, aber Damen über 70 haben eher die Kopfschmerzen oder die Bauchschmerzen.
Ich nahm es trotzdem mit und erklärte daran, dass zusammengesetzte Substantive meistens vom hinteren Teil bestimmt werden, daher wechselt der Artikel. Aber bis dahin war es ein weiter Weg.

Ein Nachmittag zwischen Recherche und Verzweiflung. Eine durchwachte Nacht mit dämlichen Albträumen und ein Morgen, in dem das Adrenalin nur so rauschte. Ich kam zu dem Schluss, dass das alles eine doofe Idee war und ich gar nichts kann und auch nichts mehr machen will und sowieso alles doof ist.
Dann legte ich los: Vorstellrunde.

Ich weiß nicht, was ihr euch unter einer Gruppe Rentner vorstellt. Meine Vorstellung lag jedenfalls Meilen daneben. Da kamen 5 hübsche, ältere Damen mit glatter, gut gepflegter Haut, schicken Frisuren und ganz lebhaftem, offenem Blick. Zu Beginn war ihr Deutsch teilweise sehr schlecht. Eine Dame ließ alle Verben aus. Sie sollten sich gegenseitig vorstellen und diese Dame sagte zum Beispiel: Maria gerne viel Fahrrad.
Doch kaum glaubte ich, das Aufgabengebiet der Stunde innerlich abgesteckt zu haben, kamen die verben hervor. Zunächst noch an falscher Stelle im Satz, aber nach ein paar weiteren Minuten hüpften sie pflichtschuldig an 2. Stelle. Maria kocht sehr viel und probiert immer neue Rezepte aus. Sie kocht für all ihre Freunde und wir treffen uns dann.

Und so merkte ich schnell, dass es nur die Nervosität war, die ihnen beim Sprechen Probleme bereitete. Mit Ruhe, Konzentration und ohne Druck war ihr Deutsch sehr, sehr gut. Und schriftlich waren sie nahezu perfekt. Jede Aufgabe wurde direkt gelöst und sie kennen die Regeln der Grammatik auswendig. Wir hatten alle zusammen großes Vergnügen in den 90 Minuten und ich hoffe, ich kann diese Gruppe noch einmal unterrichten, denn genau so ein Erlebnis brauchte ich, um wieder Zutrauen in mich selbst zu finden.

Kaum Zuhause angekommen, rief mich die Dame wieder an, ob ich nächsten Donnerstag eine Truppe Viertklässler übernehmen könnte.
„Aber gerne doch!“
Wuhuuu!

Einen Knacks weg…

Vor über 4 Monaten, am 16. Oktober 2014, war für mich der Tag gekommen, an dem mir alles zu viel wurde. 8 Monate lang hatte ich mehr als alles gegeben, um mich an ein Berufsfeld anzupassen, um zu zeigen, dass ich genügend Biss und Duchhaltevermögen habe und dabei das Lächeln nicht vergesse. 8 Monate in denen es kaum ein Ich gab, sondern nur Aufgaben und Anforderungen.

Am 16. Oktober 2014 suchte ich ein Aussprachegespräch mit meinen Mentoren unter Beisein des Schulleiters und bekam zu spüren, wie unzufrieden man mit mir ist und dass meine 120% noch mindestens 50% zu wenig sind, um den Ansprüchen zu genügen. In diesem Gespräch war ich total am Ende, alle Batterien geleert. Am Ende wusste ich nur eins: Dass ich dies keinen Tag mehr aushalte.

Die erste Zeit danach war wie eine Neugeburt. Zwar gingen mir stündlich die Gespräche durch den Kopf und ich legte vor meinem inneren Gericht eine Rechtfertigung nach der anderen vor, aber dazwischen gab es diese Zeit des Erwachens, in der man alles neu und intensiver wahrnimmt. Der Wind im Haar, das Grün des Stadtparks, die still dahinfließende Zeit…die Ruhe über den Dingen.

Ich fand im großen und ganzen langsam zu mir zurück, fühlte mich wieder in mir Zuhause. Aber eines blieb und ist bis heute zu spüren: der tiefe Knacks in mir. Es ist, als wäre an jenem 16. Oktober eine Kiste aufgerissen worden, aus der zuvor nur manchmal etwas entrinnen konnte. Eine Kiste die tief in mir schlummerte, stets verdeckt unter Optimismus und „andere schaffens doch auch“.
126

Es heißt, ein Mensch könne monatelang ohne Essen leben, Tage lang ohne Trinken aber keine Sekunde ohne Hoffnung. Zu verzweifeln bedeutet genau das: die Hoffnung aus den Augen zu verlieren. Und das leckt seither aus jener tief vergrabenen Kiste: purer Zweifel.

Das Abitur fiel mir (von Mathe einmal abgesehen) noch relativ leicht. Die Fächer, die mir nicht lagen, wählte ich ab und was danach übrig blieb, beflügelte mich. Auf anstrengende Abschnitte folgte stets die Belohnung in Form von neuen Erkenntnissen und Verknüpfungen. Ich war wie betrunken vor Wissensdurst und dem guten Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Dieses Gefühl wollte ich erhalten, ich wollte nicht zurück in eine stumpfsinnige Welt der Arbeiter. Ich wollte über Dinge nachdenken, bis ich sie durchdringe und sie Teil meines Lebens sind. Deswegen entschied ich mich fürs Studieren.

Auch im Studium gab es Seminare, die in mir dieses alte Hochgefühl erweckten, aber anders als im Abitur blieb wenig Zeit zum Verweilen, schon ging es im Sturzflug ins nächste Thema. Kaum hatte ich ein Thema auch nur angedacht, war es Zeit für die Hausarbeit oder die Klausur, in der ich zeigen sollte, dass ich all das wissenschaftlich widerkäuen kann, was ich gelernt habe. Ich war nie besonders gut darin, meine eigenen Erkenntnisse konnte ich nur schwer im wissenschaftlichen Duktus formulieren. Langsam verlor ich an Boden und hier und da entwich ein Schwall schwarzer Gedanken aus der Kiste des Zweifels, aber noch hielt mich der Gedanke, dass es anderen nicht besser geht, am Laufen. Alle jammerten darüber, dass sie sich schlecht auf den Beruf des Lehrers vorbereitet fühlen, jeder Kommilitone, mit dem man sprach, sprach auch von seinen Ängsten.

Ich kann auch nicht sagen, man hätte mich nicht gewarnt. Schon im ersten Semester sagte man uns, wie hart der Beruf des Lehrers sei und wie viele von uns mit Burnout oder Alkoholsucht in Kliniken landen. Damals dachte ich noch, ich werde doch im Studium dafür ausgebildet, so schlimm kann es doch nicht werden. Aber die Universitäten haben ihre eigenen Maximen und das Idealbild des Lehrers bietet so viele Facetten, dass man sich willkürlich eine raussuchen kann, der man begegnet um dann zu sagen: Wir machen das gut, sehen sie her, die Studien sagen, dass die von uns ausgebildeten Lehrer viel weniger schlecht in diesem oder jenem Aspekt sind.

Quelle: illumann.de

Als ich anfing zu studieren, hörten wir in vielen Veranstaltungen, dass das Hauptproblem der Lehrer sei, dass sie ungebildet seien. Deshalb müsse man sie wissenschaftlich ausbilden, um bessere Lehrer zu schaffen. Alles Praktische lernen sie dann ja noch im Beruf. Und so lernte ich viel über Sprachgeschichte und die neuesten wissenschaftlichen Theorien über die deutsche Grammatik, aber nichts darüber, wie ich das didaktisch vermittle. Schulgrammatik kam nie vor. Es gab ein Seminar zu kreativen Ideen für die Vermittlung von Grammatik…aber wie man Schülern die Basics beibringt, erfuhren wir nicht. Im Bachelorstudium hoffte man noch auf den Master und im Master war klar: da kommt nichts mehr. Jetzt sprach jeder vom Referendariat als dem Grauen der Neuzeit. Der Zweifel schwappte immer öfter über mich herein, aber ich hatte noch meine Vision von mir als Lehrerin, die ich wie ein strahlendes Schild entgegenhielt.

Jetzt sitz ich hier…über 4 Monate nach dem Zusammenbruch und dem Abbruch des Referendariats. Ich schreibe jede Woche Bewerbungen für alle möglichen Stellen. Kaum jemand schreibt zurück und sei es nur eine Eingangsbestätigung. Zu Vorstellungsgesprächen laden mich nur Personaldienstleister für Call-Center-Jobs ein. Für die einen Jobs bin ich unqualifiziert, für die anderen Jobs überqualifiziert, dem einen oder anderen gefällt vielleicht schlicht mein Anschreiben nicht, wer weiß.
Und so hat der Knacks Raum um zu wachsen…was kann ich überhaupt? Was bin ich wert? Wer will sich mein Gejammer schon anhören? Und wie lang? Braucht mich denn keiner? Habe ich Talente oder mach ich mir nur wieder etwas vor? Übernehme ich mich dabei nicht? Solche Fragen treiben einen in den Wahnsinn…oder konkret: sie treiben mich seit Oktober in den Wahnsinn.
Das Referendariat hat eine schon lange vorhandene Wunde offenbar gemacht: Dass Ausbildung etwas anderes sein muss. Das fängt mit dem Studium an. Wie konnte sich die begeistete Abiturientin, die ich einmal war, in dieses Wrack verwandeln? Ich fühle mich ausgesondert, weil ich langsamer bin als andere. Und das ist der Kernpunkt: Es muss alles immer schneller gehen…und daran gehen einige eben kaputt.

Es ist Zeit, der Kiste wieder ihren Riegel vorzuschieben.

Ich habe von so vielen Refabbrechern gehört, die Zugang zu anderen tollen Jobs gefunden haben. Wie haben die das nur gemacht? Letztens habe ich so einen Karrieremachertest ausgefüllt, als Ergebnis erhielt ich den Vorschlag zur Umschulung als Logistik-Fachangestellte, kostet auch nur 13.000 Euro. O_o
Wer berät Leute, die so einen Bruch hinter sich haben, ohne dafür gleich das letzte Hemd zu verlangen? Ermutigend war auch die Zuständige vom Jobcenter: Haaach, meinte sie, das wird schwierig. Bis Mai kann ich Sie noch aus Callcentern raushalten, aber danach müssen sie alles annehmen. Das Callcenter ist der neue Straßenfeger…

Und jetzt mach ich die Kiste für heute zu und geh zum Training.

Therapie

Jede Psychotherapie beginnt mit ein paar Wochen des Beschnupperns. Man erzählt etwas und es ist wie der Wetterbericht. Es scheint für wenige Stunden bedeutsam zu sein, aber kurze Zeit später erscheint es schon wieder bedeutungslos. Geschwätz eben.
So läuft das eben. Man geht hin, erzählt, wie die Woche so war, der Therapeut sagt öfter mal „Aha“, fasst alles zusammen und dann geht man wieder weg. Ab und an fragt man sich, ob das überhaupt Sinn ergibt, aber man bezahlt ja nichts und so eine Stunde, in der die Welt außen vor bleibt und man nur in sich schaut, wie es MIR so geht, ist doch auch ganz nett.

Und dann gibt es die Stunden, in denen es plötzlich tiefer geht. Man bemerkt es gar nicht gleich. Man erzählt wieder etwas und plötzlich hakt der Therapeut nach. Und dann will er nicht weitergehen, sondern an dieser Stelle bleiben. Und wie bei sich ankündigenden Zahnschmerzen, reagiert man ein wenig unwillig, will den Schmerz aber noch nicht wahrhaben. Und plötzlich knackt die harte Schale, die unsere dunklen Seiten vor uns verbirgt. Eigenschaften, Episoden und Verhaltensweisen, die wir besitzen aber einfach nicht wahrhaben wollen, liegen plötzlich vor uns, wie ein Zerrbild unserer Selbst und der Therapeut zeigt darauf und sagt: Das bist du.

Schafft man es, darauf nicht mit Abwehr zu reagieren, sondern mitzugehen, entdeckt man plötzlich einen ganzen Kinderkarten voll Erinnerungen, die genau diese Seite an uns zeigen. Man eilt von Episode zu Episode, manche tun weh, andere geben einem dieses archäologische Glücksgefühl, etwas lang verschüttetes ausgebuddelt zu haben. Die Zeit vergeht wie im Fluge und man geht mit einem soliden Gefühlsleben hinaus, weil man noch von all den tollen Erkenntnismomenten geflasht ist. So vieles ergibt plötzlich einen Sinn und man begreift, ähnlich einer Kettenreaktion, mehr und mehr.

Irgendwann lässt dieses Hochgefühl nach und man steht plötzlich vor der archäologischen Ruinenstadt seines Lebens. Hier Scherben, da die Leichenteile vergangener Beziehungen, dort die verdorbenen Spielwiesen der Vergangenheit. Kein Therapeut in der Nähe. Alles eine Trümmerlandschaft. Nichts scheint heil geblieben zu sein.

by Adaralbion

In dieser Phase befinde ich mich jetzt, umgeben von meinen eigenen Dementoren, die alles Glück aus mir saugen wollen und jeden guten Moment einsaugen, um mich in trotzlosem Unglück zu lassen. Diese Nacht bin ich aufgewacht, nachdem ich träumte, ich wäre auf dem Weg um eine neue Leerstelle anzutreten. Dabei stoße ich auf eine meiner Ausbilderinnen im Referendariat und sie schickt mich weg. Für unfähig befunden und aussortiert. Mit diesem Gefühl lieg ich wach und es webt mich ein in seinen Kokon aus Versagensängsten und Hoffnungslosigkeit. Es ist Februar, flüstert der Dementor, und du hast noch immer keinen Job. Du bist ungeeignet, unfähig. Du bekommst ja nicht einmal einen Kinobesuch organisiert, wie willst du da auf einer Arbeitsstelle mithalten?

Ein Auftrag meiner Therapeutin war: Unternehmen Sie etwas, was Ihnen gut tut. Da derzeit im Kino ein Film läuft, den ich unbedingt sehen wollte (The Imitation Game), fragte ich im Freundeskreis herum und überredete sogar meinen Freund. Kino ist bei ihm immer ein kritisches Unterfangen. Die Projektoren müssen richtig ausgerichtet sein, die Sitze müssen genau in der Mitte liegen, bequem sein, er will keine doofen Sitznachbarn, schon gar keine Kinder, die die ganze Zeit lärmen (Gravity konnte er wegen solcher Kinder nicht genießen und ging mit einer Stinkwut hinaus) usw.. Kurz, die Chance, dass mein Freund einfach nur ins Kino geht und den Film genießt, ist realtiv gering. Aber ich wollte diesen schönen Abend mit meinen Freunden verbringen. Also reservierte ich Karten, ein Kumpel meinte, wir könnten ins Passagekino, so ein altmodisch-alternatives Kino gehen und…tja…ich dachte nicht weiter darüber nach und reservierte dort einfach Karten. Meine Freundin brachte noch ihre Schwester mit und ich fragte zweimal nach, ob deren Freund auch mitkommt. Ich war eindeutig in einem Stimmungshoch, weil ich in meiner Fantasie einen fantastischen Abend organisierte, an dem wir alle so viel Freude haben werden. An diese fixe Idee muss ich mich ziemlich geklammert haben, sonst wäre die Realität schon eher an mich herangetreten.
Zum einen habe ich, trotz zweimaliger Nachfrage, überlesen, dass die Schwester mit Freund kommt. Nur hatte ich dessen Karte nicht früh genug abgeholt, weil ich, aus unerfindlichen Gründen diesen Satz zweimal falsch gelesen habe. Es stand exakt da: es kommen beide. Nun musste der arme Kerl alleine zwischen Fremden eine Reihe weiter vorn sitzen. Aber das war erst der Anfang. In diesem alten Kinosaal war die Neigung der Sitzreihen viel zu gering, sodass man die Köpfe der Leute voll im Bild hatte. Die Projektionsfläche war so groß, wie die großen Fernseher beim Mediamarkt. Der Klang hatte keinen Raum, er wirkte, als käme er aus zwei Boxen vorn an der Leinwand. Stereo. Irgendwer muss Currywurst mitgebracht haben, denn es roch durchdringend danach und das, wo ich auf Diät bin! Und so hockte man dann schräg auf dem Sitz, um an den Köpfen der Vordermänner vorbei zu schauen. Wenn man die Schrift lesen wollte, musste man sich erst ganz nach links lehnen, um die eine Hälfte zu lesen und dann ganz nach rechts, um die andere Hälfte zu entziffern. Am Ende des Films tat einem das Kreuz weh.

Das war er also, der schöne Abend, den ich geplant hatte. Ein Desaster…und das rieben mir die Dementoren nun diese Nacht wieder rein.
So ist das, in der Phase der Therapie. Jeder kleine Rückschlag wird aufgeblasen und scheint das ultimative Zeugnis der eigenen Unfähigkeit zu sein. Und alles Schöne wird in sein Gegenteil verkehrt.

by Marmadas


Wie vertreibt man Dementoren?
Richtig.
Indem man sich an glückliche Gedanken und Erinnerungen klammert.
Und Schokolade isst.
Außer man ist auf Diät, dann lässt man die Schokolade besser weg.
Da ich schon einmal eine Therapie hatte und auch mit vielen Freunden über deren Erfahrungen gesprochen habe, weiß ich, dass diese Phase nicht ewig dauert und dass man stärker daraus hervorgeht. Manchmal muss etwas eben erst schlimmer werden, um heilen zu können.
Und wenn es scheint, als würde ich gar nicht voran kommen und als wäre der zu besteigende Berg viel zu hoch, dann hilft mir eine Art Kinderlied, dass ich Slaine immer vorsinge, wenn er so sturzbetrunken ist, dass er kaum mehr gehen kann. Dann singe ich einfach: Einen Schritt vor den andern setzen.
Und das mache ich jetzt auch, immer nur an den nächsten Schritt denken und losgehen…

Ein paar Kreuzchen und meine Biografie ist fertig.

Heute muss ich mal wieder die pathetische Glocke anschlagen, mir ist nämlich etwas verblüffend-wunderbares passiert. Wer hier mitliest weiß, dass ich im Lehramts-Referendariat eine Bauchlandung hingelegt habe. Seitdem ging es mir mies. Ich fühlte mich ausgelaugt, überfordert, vertraute mir nicht mehr, kurz: ich war der vollkommene Zweifel. Überlegte ich, welcher Job zu mir passen könnte, antwortete mein altes Ich ganz selbstbewusst ‚dieser oder jener‘ und der Zweifel brüllte: QUATSCH, das kannst du nicht!. Ganz schön blöd, wenn man einen neuen Job sucht.

Und so ging ich zu einer Job-Messe…an der HTWK…zu den Bauingenieuren! Denn alle anderen Messen waren viel früher. Da gab es die ganze Palette an IT-Wirtschaft-Finanzgedönse. Na, da lebte der Zweifel in mir doch richtig auf. Und dann sprach mich jemand an und stellte mir Fragen.

Lehramt? Das hätte ich ja hier gar nicht erwartet, dann sind Sie ja bei mir genau richtig, ich betreue normalerweise Lehramtsanwärter! Hätten Sie Interesse an unserem Stärken-Schwächen-Profil? Das kostet normalerweise 225 Euro, ist aber für Sie kostenlos..blablub. Fragebogen ausfüllen, individuelle Beratung.

Ja, dachte ich, da machst du dann hundert Kreuze und am Ende sagen die: Du magst Erdbeereis. So dachte ich mir das, was tatsächlich passierte, war wesentlich gruseliger.

Versprochen hatte mir der Herr, dass ich nach dem Gespräch viel besser wissen werde, welche Jobs und welches Umfeld zu mir passen, um im Job richtig glücklich zu werden. Und hey…das traf ins Schwarze. Und was hatte ich schon zu verlieren?

Heute war dann die besagte Auswertung. Der Fragebogen war wie erwartet…vier A4-Seiten in denen ich Antworten sortiere, inwieweit sie auf mich zutreffen. Ich hatte schon überlegt, ihn gleich mit „Ich mag lieber Malaga.“ zu begrüßen. Doch was dann folgte, war zugleich berauschend und erschreckend. Er legte mir einen dicken Hefter vor, der so aussieht (den bekommt man geschenkt):
1

Gruselig! Finanzplanung? Wirtschaftsberatung? Leader-Check?
Aber der Inhalt lieferte etwas ganz anderes.
Zunächst einen Text, den ich mir durchlesen und grün markieren sollte, was nicht zutrifft.
Ich las…und fiel bald vom Stuhl! Dort stand mit Worten ein ziemlich genaues Profil meiner Persönlichkeit, das sehr private Details so genau getroffen hat, dass man sich automatisch fragt, wo die Kamera im Wohnzimmer hängt oder wie viele Emails er dazu gelesen hat. Und all das ist ein paar Kreuzchen entnommen?
Wow!

Nur als Beispiel steht da: ich entwickle gerne Pläne und halte diese ein, es fällt mir leichter, Entscheidungen zu treffen, wenn diese auch von anderen, die ich respektiere, mitgetragen werden. Das gibt mir ein Gefühl von Stabilität und Zugehörgkeit.

Gerade der letzte Satz ist eigentlich etwas, was tief in meiner Psyche verborgen ist. Sowas sieht man einem Menschen nicht einfach an und es stimmt so 100%ig. Das hat mich total verblüfft. Die Urteile sind nicht oberflächlich, sie sind tief aus der Substanz.

(Und mein Hirn sagt: Wenn ein paar Kreuzchen schon sooo viel Unbewusstes über dich verraten, was verrät dann erst deine Browserhistorie?!%$§)

Die ersten zwei Seiten hätten mein Hirn gut und gerne noch Stunden beschäftigt (was ja der Fall ist, sonst müsste ichs ja nicht schreibend verarbeiten :D), aber es ging noch weiter.
Es folgte eine Auflistung meiner Stärken, die für Unternehmen von Nutzen sind, eine Seite mit Situationen, die zu einem Konflikt mit mir führen.
Die Ersteller dieser Mappe wussten nichts von meinen Mentoren, aber in dieser Auflistung fand ich ganz konkrete Situationen die letztendlich zum Knall führten. Sachen wie:

  • dominant und fordernd sein, mit Macht drohen
  • unsystematisch vorgehen/Fakten in willkürlicher Reihe präsentieren
  • durch Raffinesse oder Zwang bevormunden oder erniedrigen
  • sie ohne stützenden Rückhalt lassen

Der Herr, der dieses Gespräch mit mir führte, meinte ganz zutreffend: Wenn wir uns ein halbes Jahr eher getroffen hätten, wäre meine Situation heute anders. Wenn ich diese Analyse vorher gehabt hätte, wäre mir viel eher klar geworden, wie schwierig die Situation für mich zu bewerkstelligen war und ich hätte eher auf Distanz gehen können.

Dann gibt es noch eine Auflistung von Selbstwahrnehmung vs. Fremdwahrnehmung. Darin steht klipp und klar, dass ich mich für gutmütig, teamfähig etc. halte, unter extremen Druck aber stur und gleichgültig wirke, was daraus relustliert, dass ich mich unter extremen Druck auf konkrete Ziele konzentriere, diese verfolge, aber zuwenig davon dem Gegenüber transportiere. Meine Mentoren meinten zu mir, ich setze ja nichts um von dem, was sie sagen, was mich zutiefst verletzte, weil ich in meiner Selbstwahrnehmung das ganze Gegenteil machte. Ich versuchte bis zum Schluss alle Anforderungen zu erfüllen, was aber schlicht in der Masse total überforderte, das wurde offensichtlich als Weigerung wahrgenommen.

Weiter ging es mit einer Grafik, die meine Persönlichkeit in vier Balken splitet: dominant-initiativ-stetig-gewissenhaft. Jeder hat von jeder Eigenschaft etwas. Das Spannende war jetzt, das aus diesen paar Kreuzchen zwei Schemata erstellt wurden: Eins, das zeigt, wie die Verteilung in mir durch Erziehung, Elternhaus, kurz: kindliche Prägung, entstanden ist. Eine zweite Grafik zeigte, wie die Verteilung jetzt durch Anpassung an meine Umwelt aussieht.
In meiner Basis war ich sehr initiativ, das hat sich drastisch zu gewissenhaft verschoben. Und da haben wir meine momentane Situation: statt mit Vollgas und einem fetten Lächeln in den nächsten Lebensabschnitt zu stürmen, wie es eigentlich meiner Art entspricht, durchgrüble ich alles bis zum Tod der Initiative. Und das..ich wiederhole mich, aber es ist so KRASS!, das alles holen die aus ein paar Kreuzchen..wuaaahh!

Das war noch nicht das Ende der Beratung, aber noch mehr will ich hier nicht veröffentlichen…ich gönne mir lieber gleich selbst noch etwas von der Grusellektüre.

Also an alle Lehrämtler dort draußen, es gibt hier eine kostenlose Beratung, die euch mal wirklich aufschlüsselt, was ihr braucht und wo es Konflikte geben wird, die euer Potential zeigt und wirklich hilfreich ist, um im Referendariat nicht den Kopf zu verlieren, sondern sich nicht verunsichern zu lassen. Es kostet nichts und ich kann es nur heiß empfehlen. Ehrlich, hätte ich das alles früher schwarz auf weiß gehabt, ich hätte die Situation wesentlich besser händeln können. Es wäre immernoch schlimm und die reine Überforderung gewesen, aber es hätte mir nicht persönlich so viel zu schaffen gemacht, wie es der Fall war. Ich hätte mich rationaler darauf einstellen können und wäre eine richtig tolle Lehrerin geworden, denn das, so das Abschlussurteil des Herren, steht zwischen den Zeilen: Ich eigne mich hervorragend als Lehrer….aber das Umfeld muss stimmen. Und das zu hören war einfach mal wie kaltes Wasser auf einer Verbrennung.

Und Malaga mag ich wirklich gern, aber das haben die in dem Bogen glatt vergessen.

Ich weiß zwar nicht, ob ich das darf, aber ich empfehle die Firma einfach mal weiter: https://www.horbach.de/content/sites/internet/horbach/de/home.html